In der Villa Winter

Villa Winter – eine holprige Reise in die Vergangenheit
Schon die Anfahrt zur Villa Winter war ein Abenteuer für sich. Nachdem wir die lange Holperstrecke durch die beeindruckende Landschaft Fuerteventuras gemeistert hatten, lagen nur noch die letzten Meter bis zur Villa vor uns.
Doch ausgerechnet die hatten es noch einmal in sich.
Schlaglöcher und felsige Steine stellten unsere Stoßdämpfer auf eine harte Probe … und unseren Hintern gleich mit. Wir waren jedenfalls froh, als wir endlich aussteigen und unsere inzwischen etwas mitgenommenen Sitzflächen schonen konnten.
Am Eingang wurden wir von einem Verwandten der früheren Hausangestellten begrüßt. Der Eintritt erfolgt gegen eine freiwillige Spende, die man freundlicherweise bereits vor dem Betreten des Hauses entrichten darf. Freiwilligkeit will schließlich gut organisiert sein. 😁
Ein Haus voller Geheimnisse
Schon von außen ist die Villa Winter ein ungewöhnlicher Anblick. Mit ihren dicken Mauern, dem markanten Turm und ihrer eigenwilligen Bauweise wirkt sie mitten in der abgelegenen Landschaft von Cofete fast wie ein kleines Schloss.
Wir staunten über die Architektur und fragten uns unwillkürlich, was Gustav Winter wohl dazu bewogen hatte, ausgerechnet hier, fernab von allem, ein solches Gebäude errichten zu lassen.
Auch im Inneren gab es einiges zu entdecken. Besonders die alten Telefone und die Regale voller verstaubter Literatur, offenbar teilweise aus längst vergangenen Zeiten, hatten es uns angetan.
Ein weiterer Blickfang ist der Innenhof, der dem Gebäude seinen ganz eigenen Charakter verleiht. Überhaupt überraschte uns die Bauweise. Man merkt schnell: Das hier ist nicht einfach irgendein gewöhnliches Wohnhaus.
Zahlreiche Räume, ungewöhnliche Details und verwinkelte Ecken sorgen dafür, dass die Fantasie ziemlich schnell anfängt, Überstunden zu machen.
Zwischen Geschichte und Legende
Natürlich kommt man an der Villa Winter kaum vorbei, ohne an die Geschichten zu denken, die sich seit Jahrzehnten um sie ranken.
In einigen Räumen sind Uniformen, Waffen und andere Gegenstände mit Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus ausgestellt. Beim Rundgang entsteht dadurch schnell eine Verbindung zu einer düsteren Epoche deutscher Geschichte.
Und dann beginnen die Geschichten.
Geflohene Nazi-Größen sollen hier Unterschlupf gefunden haben. Deutsche U-Boote sollen vor der Küste versorgt worden sein. Geheime Anlagen, unterirdische Räume und allerlei andere Machenschaften werden der Villa zugeschrieben.
Kurz gesagt: Es fehlt eigentlich nur noch Indiana Jones, der plötzlich hinter einer Mauer hervorkommt.
Das Problem ist nur: Historisch belegt sind viele dieser spektakulären Geschichten nicht.
Der Bau der Villa begann nach Angaben aus der Familie Winter erst 1946, also nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Für eine Nutzung der Villa als geheime deutsche U-Boot-Basis während des Krieges gibt es ebenfalls keine gesicherten Belege.
Was tatsächlich hinter all den Erzählungen steckt, bleibt damit zumindest teilweise offen.
Vielleicht ist es aber gerade diese Mischung aus ungewöhnlicher Architektur, abgeschiedener Lage und ungeklärten Fragen, die den besonderen Reiz des Hauses ausmacht. Man schaut sich um, entdeckt das nächste merkwürdige Detail und ertappt sich irgendwann dabei, seine ganz eigene Geschichte dazu zu erfinden.
Ein Friedhof, der weitere Fragen aufwirft
Ganz in der Nähe, zwischen Villa und der weitläufigen Playa de Cofete, befindet sich ein kleiner, schlichter Friedhof.
Und auch dieser Ort passt auf eigenartige Weise perfekt in die stille, fast unwirkliche Landschaft. Zwischen Meer, Bergen und dem ständig wehenden Wind wirkt er beinahe vergessen.
Doch auch hier lohnt es sich, Geschichte und Gerücht auseinanderzuhalten.
Der Friedhof gehört zur Geschichte der alten Siedlung Cofete. Bereits im 19. Jahrhundert lebten und arbeiteten Menschen in dieser abgelegenen Gegend. Wegen der großen Entfernung zu anderen bewohnten Orten entstand hier ein eigener kleiner Friedhof.
Einen gesicherten Nachweis dafür, dass er als geheimer deutscher oder gar nationalsozialistischer Friedhof genutzt wurde, gibt es nicht.
Aber natürlich liegt die Villa Winter gleich nebenan.
Und wo eine geheimnisvolle Villa und ein einsamer Friedhof aufeinandertreffen, braucht die menschliche Fantasie erfahrungsgemäß nicht besonders viel Starthilfe.
Unser Fazit
Der Besuch der Villa Winter war auf jeden Fall spannend.
Wir haben ungewöhnliche Architektur bestaunt, alte Telefone und historische Ausstellungsstücke entdeckt und uns von den vielen Geschichten rund um das Haus ein wenig in die Vergangenheit entführen lassen.
Ob man am Ende mehr Fragen als Antworten mitnimmt?
Durchaus möglich.
Aber vielleicht gehört genau das zu diesem Ort.
Sicher ist jedenfalls, dass die Villa Winter genügend Stoff für Gespräche, Spekulationen und wahrscheinlich noch für einige weitere Generationen von Geschichten bietet.
Und die Anfahrt?
Die wird uns vermutlich ebenfalls in Erinnerung bleiben.
Nicht wegen irgendwelcher geheimen Nazi-Geschichten, sondern wegen der Schlaglöcher, der Felsen und unserer Stoßdämpfer, die auf dem Rückweg hoffentlich nicht schon beim Anblick der nächsten Schotterpiste ihre Kündigung eingereicht haben.
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